Ruanda die Zweite

Nachdem meine Kollegen Marco Seumer, Jens Volkmann und ich Ende 2015, verteilt über insgesamt vier Wochen, bereits einmal an der RTSS (Rubengera Technical Secondary School) in Ruanda im Rahmen eines Training of Trainers Seminars tätig waren, bot sich mir Ende März erneut die Gelegenheit für eine Woche vor Ort arbeiten zu können.

Am Samstag den 17.03. ging es dann von Berlin über Istanbul nach Kigali, wo ich nach einer kurzen Übernachtung am Sonntagmorgen  vom Werkstattmanager Jean Batiste abgeholt wurde. Rubengera liegt ca. 120 Km westlich von Kigali, die Fahrt dauert allerdings aufgrund des mitunter dürftigen Zustands der Straße zwischen zweieinhalb und drei Stunden.

In Rubengera angekommen wurde ich herzlich von Sister Marie-Louise, der Direktorin der TSS sowie Ruprecht Manz begrüßt. Ruprecht Manz ist Tischlermeister, lebt mit seiner Familie seit 2016 in Rubengera und arbeitet unterstützend in den Werkstatt- und Ausbildungsbereichen der RTSS.

Montagmorgen begab ich mich um kurz nach sieben auf den mir schon bekannten kurzen Fußweg vom Gelände der Diakonissenschwesternschaft „Abaja ba Kristo“ zum Schulgelände der RTSS, begleitet von einigen Schulkindern der benachbarten öffentlichen Schule. In der RTSS angekommen galt es dann erst einmal zusammen mit Théophile Ndoreyaho, dem stellv. Schulleiter und Ruprecht Manz zu überlegen, was für ein Projekt ich in der anstehenden Woche zusammen mit Auszubildenden des zweiten Lehrjahres realisieren könnte. Eine vorherige Planung war aufgrund der kurzfristig angesetzten Reise nicht möglich. Zudem bringt eine Planung im persönlichen Gespräch vor Ort erfahrungsgemäß ohnehin die besten Ergebnisse.

Da von Anfang an Einigkeit darüber bestand, dass ein Produkt entstehen soll, welches nach Fertigstellung noch Nutzen bringen kann und nicht verstaubt oder zu Brennholz verarbeitet wird, entstand die Idee, einen kleinen Holzrahmenbau zu erstellen, der in verkleinertem Maßstab der Kubatur und Dachform eines geplanten Internatsgebäudes entspricht, welches auf dem Gelände der RTSS errichtet werden soll. So dient das kleine Projektgebäude zum einen dazu, den Auszubildenden einen Einblick in die Grundlagen des Herstellens und Richtens von Holzrahmenwänden zu geben und kann zum anderen mittelfristig als Musterhaus für das geplante Internatsgebäude dienen, an dem vorab verschiedene Details ausprobiert und getestet werden können.

Als Vorlage dienten mir die bereits bestehenden Entwurfspläne des britischen Planungspartners, der Richard Feilden Foundation (www.richardfeildenfoundation.org.uk ) Als Standort für das geplante Projekthäuschen wurde eine kleine Freifläche auf dem Holzlagerplatz festgelegt, mit dem Vorteil die dort bereits vorhandenen Punktfundamente  nutzen zu können. Nun Bestand für mich zunächst die Aufgabe darin, mir fehlende Maße aus den Plänen zu ermitteln und die Kubatur des bestehenden Entwurfs an die gegebenen Abmessungen des Aufstellortes anzupassen, um dann die Wandpläne zeichnen zu können. Ohne CAD Unterstützung und nur mittels Bandmaß, Taschenrechner, kleinem Geodreieck und DIN A4 Papier eine doch recht arbeitsintensive Aufgabe.

Am Dienstagmorgen waren dann alle benötigten Zeichnungen und Holzlisten fertig, sodass ich mit den Auszubildenden den Zuschnitt der Hölzer beginnen konnte. Auch dies ist eine sehr arbeitsintensive Aufgabe, wie man Sie bei uns nur noch aus Zeiten kennt, zu denen noch kein KVH verwendet wurde. Sämtliche Rohhölzer kommen nicht aus einem Sägewerk im eigentlichen Sinne sondern werden von Hand aus den Stämmen geschnitten und dann zum Teil zu Fuß angeliefert.

Ich war äußerst positiv davon überrascht, wie schnell sich kleine, selbstständige Teams bildeten, um die verschiedenen Arbeiten von der Vorauswahl der Hölzer am Holzplatz über den Zuschnitt bis zum Zusammenbauen der Wände zu erledigen. Bereits als ich den Auszubildenden das geplante Projekt vorstellte war das Interesse äußerst groß, da es sich in Größe und Arbeitsweise deutlich von den sonst in der TSS ausgeführten Tischlereiarbeiten unterschied. Das Herstellen von Holzrahmenwänden nach Wandplänen war also eine völlig neue Erfahrung, die mit großer Begeisterung angegangen wurde.

Nachdem die Wände zusammengebaut waren, ging es an die Vorbereitungen für das Richten. Auch dies war für die Auszubildenden eine  bis dato unbekannte Aufgabe. Nach kurzer Besprechung  und Einweisung vor Ort wurden dann anhand des von mir gezeichneten Grundrisses die Außenecken der Wände mit Kreide auf den Punktfundamenten aufgerissen und die Winkel überprüft. Derweil kümmerte sich ein anderes Team bereits um den Transport der Wände per Muskelkraft zu dem von der Werkstatt etwa 100 m entfernten Richtplatz.

Mit dem Richten der Wände nahm das kleine Gebäude dann endlich seine Form an, die zuvor für einige Auszubildende doch noch recht schwer vorstellbar war. Dementsprechend groß waren auch jetzt wieder die Begeisterung und das Engagement.  Als Sparren kamen in der TSS entwickelte  Holz Doppel-T-Träger zur Verwendung, die bereits zuvor in einem Testdach ihre Tragfähigkeit unter Dauerlast bewiesen hatten. Mittlerweile war es schon Freitagmittag und die uns verbleibende Zeit zur Fertigstellung war knapp bemessen, da neben unserem kleinen Projekt noch viele Vorbereitungen für die am Samstag anstehende Graduierung der diesjährigen Absolventen zu erledigen waren. Eine äußerst wichtige und von hochrangigen Ehrengästen (unter anderem dem ruandischen Bildungsminister sowie dem deutschen Botschafter) besuchte Feier.

Es wurde also nochmal richtig rangeklotzt und während sich ein Team um den Sparrenabbund kümmerte, kontrollierten die anderen Auszubildenden mit den zuvor beim Aufriss kennengelernten Methoden (Diagonalen messen und Winkelschlag 3,4,5) die korrekte Position der Wände.

Gegen 16.00 Uhr war es dann endlich soweit, nachdem ich den Auszubildenden die Tradition des deutschen Richtfestes erklärt hatte wurde noch schnell ein kleines Bäumchen gefällt und befestigt. Die begeisterten  und stolzen Gesichter „meines“ Teams  werde ich so schnell nicht mehr vergessen!

Auch bei meinen zweiten Besuch in Rubengera war ich wieder zutiefst beeindruckt von der Arbeit, die dort geleistet wird und auf welch gutem und für das ganze Land vorbildlichem Weg die RTSS ist, ganz zu schweigen von der Herzlichkeit der ruandischen Kollegen und der Schwesternschaft. Eine Entwicklung, die es unbedingt weiter zu fördern und zu unterstützen gilt.

Für Interessierte empfehle ich die Homepage der DGD Förder-Stiftung, die maßgeblich am Auf- und Ausbau der Rubengera TSS beteiligt ist. Wer möchte, findet dort auch Informationen zu immer benötigten Spendengeldern, mit denen dann unter anderem der geplante Bau des Internatsgebäudes realisiert werden kann.

Jan Appenrodt